Die Wunschmaschine

  Über die Kunst, eine Wunschmaschine zu liebencb_brunnen

  Um Irrtümern vorzubeugen: Damit ist nicht die Transalp gemeint, von der Rainer in seinem Bericht im letzten Heft
(der Transalp-News) schrieb. Damit ist RAINER gemeint.

  Ach so, ich sollte mich vielleicht vorstellen: Ich bin die besagte Christel, die in Rainers Bericht mit Dank erwähnt wurde.

  Mit Interesse las ich in Rainers Bericht, welche Bedeutung er meinen Empfehlungen beimißt. (Um ehrlich zu sein: Wenn es um die Erledigung irgendwelcher Hausmeistertätigkeiten in unserem Haus geht, scheine ich nicht so viel Überzeugungskraft zu besitzen....)

Aber jetzt mal von vorne: Bevor ich Rainer im Jahre 1990 kennenlernte, führten mein Kater Fritz und ich ein eher beschauliches Leben ohne technischen Schnickschnack und - von einigen Afro-Tanz-Workshops meinerseits abgesehen - ohne sportliche Ambitionen. Mein Kater geriet schon beim Geräusch der Türklingel aus dem Häuschen.

Heute zuckt Fritz nicht einmal bei den Klängen von ZZTop, und ich kann nach anfänglichem Zieren alle möglichen Fernbedienungen, Handys, PCs bedienen und habe zeitweise meine Kollegen sogar mit einem elektronischen Taschenkalender (Verzeihung: Note-book) erstaunt und genervt.

Wir hatten uns seinerzeit durch eine Kontaktanzeige kennengelernt, und bei eingehendem Studium solcher Anzeigen hatte ich mitbekommen, daß sportliche Frauen offenbar größere Chancen auf dem Partnerschaftsmarkt haben. Fahrradfahren war das einzige, was ich mir an Sport einigermaßen gut vorstellen konnte, also gab ich forsch Fahrradfahren als mein Hobby an und fand mich kurz drauf auf allen möglichen Nordseeinseln bei Gegenwind radfahrend wieder. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Rainer über ein Vierzehn-Gang-Alurad verfügte, während ich eine ziemlich schwere alte Möhre mit drei Gängen bewegte. (Wie lautet doch der kleine Unterschied: "Frauen plagen sich ab, Männer haben gutes Gerät.")

Nachdem ich so durchtrainiert war, daß ich meinen Liebsten im Weserbergland sogar abhängen konnte, eröffnete er mir, daß er eigentlich immer schon paddeln wollte. Dies hören und einen Kurs beim Stadtsportbund für uns buchen, war eins für mich. Leider hatte ich keine Vorstellung, welche neuen Herausforderungen da auf mich warteten: Am ersten Tag stieg ich heulend vor Wut aus dem Kahn, weil dieses Teil einfach nur im Kreis fuhr! Rainer hingegen trat sofort begeistert in den Kanu-Verein ein und machte fortan die Kleinflüsse ("Amazonas für Arme") im Münster-, Sauer- und Bergischen Land unsicher.
Irgendwann fand ich dann auch nichts mehr dabei, am Wochenende in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, mich in Gummizeug zu quetschen und auf allen möglichen Bächen und Seen zwischen Eifel und Mecklenburg herumzuschippern. Klar, daß ich inzwischen auch geradeaus paddeln konnte und sogar Gefallen an leichterem Wildwasser gefunden hatte.
cb mit kajaks in rheinsberg
Wenn im Urlaub mal nicht Paddeln angesagt war, wurden Moped-Verleihe angesteuert. Und dann kam jener denkwürdige Italien-Trip, wo sich herausstellte, daß Menschen mit FS. Kl. III Motorräder mit beliebiger Motorleistung fahren dürfen. Angstschlotternd, aber bereit, meinem Liebsten blind zu vertrauen, daß er BESTIMMT NICHT MEHR ALS 70 KM/H fahren würde und Motorräder sich nicht anders führen als Mopeds, stieg ich auf den Sozius und entschloß mich, die merkwürdigen Geräusche, die das Gerät zuweilen beim Anfahren machte, einfach zu überhören und das Ganze als Gelassenheitsübung zu betrachten, was mir dann auch trotz schwindelerregender Serpentinen und einer urplötzlich vor uns auftauchenden Baggerschaufel leidlich gelang. Wie sagte schon Nietzsche: "Was mich nicht umwirft, macht mich stärker."

Von da ab wurde unser Haushalt von Motorradzeitungen überschwemmt, cb_rak helmeund wenn das Auge meines Liebsten sinnend ins Weite blickte, wußte ich schon, daß er irgendwie wieder auf die Vor- und Nachteile von 125ern zu sprechen kommen würde, oder nicht doch lieber ne richtige Maschine... . Bis ich ihn dann an den alten Sponti-Spruch erinnerte: "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum." Das war der Durchbruch zur Anmeldung in der Fahrschule.

Danach wurden mir eine Zeitlang ständig Fotos von Motorrädern gezeigt und ich mußte meine Meinung dazu äußern, die dann für ein Preisausschreiben verwandt wurde, um DIE Maschine zu gewinnen. Manchmal erntete ich dabei unverständliche Unmutsäußerungen etwa derart: "Iih, das ist doch ein Jogurtbecher." Dabei war weit und breit keine Jogurtreklame in der Zeitung!

Endlich kam es Schlag auf Schlag: Führerscheinprüfung bestanden - Entscheidung für Transalp -Transalp gekauft. Von da ab hatte ich das Haus erst mal ne Weile für mich. Ich wußte gar nicht, wie viele Bikertreffs und Transalptreffs es in diesem unserem Lande gibt!

Dann kamen aber schon die ersten Anfragen: "Willst du nicht auch mal mit?" Wie üblich, mußte ich mich erst mal ein bißchen zieren. Ob wir nicht mal Hobbys haben könnten, wo man nett angezogen ist? Vielleicht Turniertanz?
Nach einer ersten kurzen Fahrt bis Bochum stellte ich dann fest:

1. Auf der Transalp habe ich gar keine Angst.
2. Es macht sogar Spaß!

Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf, Rainer für eine Fahrt in das kleine Dörfchen Staudernheim zu gewinnen, wo ich das kleine aber feine Hotel der Familie Ott schon vor längerer Zeit kennen- und schätzen gelernt hatte.
Wochen vor der Abfahrt beschäftigten mich zwei weltbewegende Fragen:

1. Was ziehe ich an?cb in gasse
2. Wie komme ich überhaupt da rauf?

Die erste Frage löste ich mit einem Besuch bei einem netten Lederschneider in Dortmund, der nach kurzem Kommentar: "Aha, Sie haben ein Oberschenkelproblem" sofort eine gut sitzende Lederhose für mich hervorholte.
Nachdem mir diese zuhause sogar den lange nicht mehr gehörten Kommentar: "Du siehst aber knackig aus" einbrachte, fand ich es auch gar nicht mehr so aufwendig, daß ich die Hose nur auf dem Bett liegend zumachen konnte... (Gottseidank weitet sich Leder!)
Die zweite Frage beantwortete Rainer: "Die anderen Frauen schmeißen immer ihr Bein auf den Sitz und ziehen sich dann an der Schulter vom Fahrer hoch." Das dürfte ja für eine leicht übergewichtige Frau von 1,54 m, die mit einer ziemlich engen Hose bekleidet ist, kein Problem sein!

Die Frage des Auf- und Absteigens ließ dann unsere Fahrt manchmal fast zum Abenteuerurlaub werden. Mal riß ich meinem Schatz fast die Jacke vom Leib, was unter anderen Bedingungen gerne gesehen wird, aber in der Situation eher unpassend schien, mal behauptete er, Würgemale am Hals zu haben. Schließlich wurden wir ziemlich findig im Aufsuchen hoher Bordsteine und ähnlicher Hilfsmittel.

Im übrigen genoß ich es sehr, auf der Fahrt von den üblichen gesellschaftlichen Verpflichtungen einer Beifahrerin befreit zu sein. Als Sozia braucht frau weder Kekse noch Getränke anzureichen und auch Kartenlesen wird nicht verlangt!

Tips zur Anreise wurden jedoch gerne entgegengenommen. So votierte ich für die Anfahrt durch die Eifel über Neuenahr/Ahrweiler, die Moselüberquerung bei Treis/Karden und die Weiterfahrt über Simmern/Hunsrück und Bad Sobernheim bis Staudernheim. Das erste Stück sollte wg. Zeitersparnis auf der Autobahn gefahren werden. Kurz vor Solingen besann mein Fahrer sich jedoch um, um mir das Café Hubraum vorzuführen. Leider hatte sich der Anfahrtsweg nach Rainers Aussage irgendwie entmaterialisiert, so daß wir das Café erst nach einer längeren Irrfahrt fanden. Es hat übrigens werktags ab 16.00 Uhr geöffnet. Wir hatten soeben High Noon an einem Werktag.

Die weitere Anreise verlief dann unproblematisch, begleitet von herrlichen Aussichten in der Eifel und im Hunsrück und gekrönt durch die Ankunft im Landgasthof Bacchusstuben der Familie Ott. Bei der Zimmerbuchung hatte ich noch vorsichtig angemerkt, daß wir Motorradfahrer wären, worauf Frau Ott ungerührt erwiderte: "Mein Mann stellt seine Maschine dann im Schuppen etwas zur Seite."

Angesichts des romantischen Landgasthofs mit den geschmackvoll eingerichteten Zimmern und dem großen frisch bezogenen Bett ist es schon etwas gewöhnungsbedürftig, wenn der Liebste statt zärtlicher Worte bei der Ankunft lediglich murmelt: "Ich muß dann noch eben die Kette schmieren" und erst mal wieder für eine Weile verschwindet.

Auch ist es ein wenig irritierend, bei jedem längeren Stop ca. 10 Minuten mit ansehen zu müssen, wie der Geliebte unter Flüchen vergeblich versucht, zwei Helme und eine Werkzeugtasche im Top-Case unterzubringen. Wozu braucht man so viel Werkzeug für ein ziemlich neues scheckheft-gepflegtes Mopped?

Die Bedeutung dieser Tat erschloß sich mir erst auf der Rückreise, als wir bei herrlichem Wetter kurz vor Bad Schwalbach ein Motorradfahrer-Pärchen mit Panne am Straßenrand sichteten. Die Sozia saß im Gras mit dieser Art freundlich-undurchdringlichem Gesichtsausdruck, der mir auch nicht unbekannt ist und übersetzt etwa heißt: "Ich könnte ihn würgen."

Rainer, der in Paddler-Kreisen den Spitznamen "Winnetou" wegen seiner Vorliebe fürs Retten und Bergen hat, bot sofort seine Hilfe an. Es stellte sich heraus, daß der Typ der Ärmsten die Kette morgens nicht nachgespannt hatte, weswegen sie (die Kette) jetzt abgesprungen war. Werkzeug hatte er natürlich auch nicht dabei. Das könnte meinem Schatz selbstverständlich nicht passieren!

Der zweite Tag unserer kleinen Reise führte uns zunächst auf den Disibodenberg, der langjährigen Wirkungsstätte Hildegards von Bingen und dann durch den Hunsrück bis Simmern, wo wir die Spuren des Schinderhannes verfolgen wollten. Der hatte seine Spuren wohl so verwischt, daß wir den Schinderhannes-Turm gar nicht erst fanden. Weiter ging es nach Rüdesheim mit Stop beim Hildegard-Kloster und in der unvermeidlichen Drosselgasse. Zurück über Bad Kreuznach auf landschaftlich höchst eindrucksvoller Strecke nach Staudernheim. Ausklang bei gutem Nahe-Wein und Vollwertküche. Schon macb in gasse lachtl Dinkelgrießflammerie mit Quittengelee probiert? Schmeckt besser, als es sich anhört!

Am dritten Tag ging es über die Hunsrück-Höhenstraße über Morbach Richtung Bernkastel-Kues mit Zwischenstop in dem kleinen mittelalterlichen Städtchen Herrstein. Inzwischen konnte ich mich auf dem Sozius so entspannen, daß ich auf dem Rückweg mehrmals einnickte!

Als Route für die Rückreise hatte ich vorgeschlagen: Bingen - Rüdesheim - Lorch. Dann durch den Taunus über Bad Schwalbach und Limburg. (Besonders die Strecke Lorch - Bad Schwalbach ist ein wahres Biker-Kleinod.)) Von Limburg durch den Westerwald über Altenkirchen nach Eckenhagen und weiter durch das Sauerland zurück nach Dortmund.

Es waren vier wunderschöne Tage.

Mein Fazit:
Es ist gar keine Kunst, eine Wunschmaschine zu lieben!

Christel Botterbusch
im Juli 1999

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